Lange Arbeitswege: Wie Unternehmen Belastungen durch Pendeln reduzieren können

Lange Arbeitswege: Wie Unternehmen Belastungen durch Pendeln reduzieren können
Marcel Bruder
von Marcel Bruder

Aktualisiert am 20.09.2026

Für einen großen Teil der Beschäftigten gehört Pendeln selbstverständlich zum Arbeitsalltag. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes benötigten 2024 rund 23 Prozent der Arbeitnehmer:innen zwischen 30 und 60 Minuten für die einfache Strecke zum Arbeitsplatz. Weitere knapp sechs Prozent waren eine Stunde oder länger unterwegs.¹

Damit verbringen viele Beschäftigte an Präsenztagen beträchtliche Zeit auf dem Weg zur und von der Arbeit. Das muss nicht automatisch problematisch sein. Mit zunehmender Pendeldauer können jedoch zusätzliche Anforderungen entstehen – etwa weniger Zeit für Erholung und Privatleben, die Abhängigkeit von Verkehrslage und Fahrplänen oder ein sehr langer Zeitraum zwischen dem Verlassen der Wohnung und der Rückkehr.

Unternehmen können die Entfernung zwischen Wohnort und Arbeitsplatz meist nicht beeinflussen. Sie können aber an einigen Rahmenbedingungen ansetzen, die darüber mitentscheiden, wie stark lange Arbeitswege im Alltag ins Gewicht fallen.

Wie lange pendeln Beschäftigte in Deutschland?

Der Mikrozensus 2024 zeigt: Rund die Hälfte der Arbeitnehmer:innen benötigt zwischen zehn und 30 Minuten für den einfachen Weg zur Arbeit. 23,3 Prozent sind 30 bis unter 60 Minuten unterwegs, 5,8 Prozent benötigen mindestens eine Stunde.¹

Das Auto bleibt dabei das mit Abstand häufigste Verkehrsmittel. 65,2 Prozent der Arbeitnehmer:innen fahren mit dem Pkw zur Arbeit. Rund 16 Prozent nutzen Bus, U-Bahn, Straßenbahn, Eisenbahn oder S-Bahn. Etwa zehn Prozent fahren mit dem Fahrrad und gut sieben Prozent gehen zu Fuß.¹

Pendeln betrifft damit sehr unterschiedliche Beschäftigtengruppen. Auch die Bedingungen unterscheiden sich: Eine planbare 40-minütige Zugfahrt kann anders erlebt werden als dieselbe Zeit im stockenden Berufsverkehr. Ebenso macht es einen Unterschied, ob Beschäftigte ihre Arbeitszeiten anpassen können oder an starre Anfangszeiten gebunden sind.

Wann können lange Arbeitswege zum Belastungsfaktor werden?

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) kommt auf Basis ihrer Arbeitszeitbefragung zu dem Ergebnis, dass lange tägliche Pendelzeiten mit mehr gesundheitlichen Beschwerden, stärkerer Erschöpfung und einer geringeren Zufriedenheit mit der Work-Life-Balance einhergehen können.²

Ein wesentlicher Faktor liegt auf der Hand: Zeit für den Arbeitsweg steht nicht für Erholung, Familie, soziale Kontakte, Sport oder andere private Aktivitäten zur Verfügung. Hinzu kommen je nach Verkehrsmittel beispielsweise Staus, Verspätungen, Umstiege oder geringe Planbarkeit.

Wie genau Pendeldauer und Gesundheit zusammenhängen, ist allerdings komplex. Eine deutsche Längsschnittstudie mit sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zeigte beispielsweise, dass Personen mit mindestens zehn Stunden Pendelzeit pro Woche in der ersten Erhebung häufiger depressive Symptome berichteten als Beschäftigte mit weniger als zweieinhalb Stunden Pendelzeit. Fünf Jahre später ließ sich dieser Zusammenhang im Längsschnitt jedoch nicht bestätigen.³

Das spricht gegen einfache Aussagen nach dem Muster „langes Pendeln macht krank“. Die Auswirkungen hängen von verschiedenen Rahmenbedingungen ab – und einige davon können Unternehmen durchaus beeinflussen.

Was können Unternehmen gegen Belastungen durch lange Arbeitswege tun?

Unternehmen können den Arbeitsweg ihrer Beschäftigten meist nicht verändern. Sie können aber die Rahmenbedingungen so gestalten, dass lange Pendelzeiten nicht zusätzlich durch vermeidbare organisatorische Belastungen verschärft werden.

Aus unserer Sicht sind dabei vor allem fünf Ansatzpunkte relevant.

1. Flexibilität bei Beginn und Ende der Arbeitszeit schaffen

Starre Anfangszeiten können lange Arbeitswege zusätzlich erschweren. Bereits kleinere zeitliche Spielräume können Beschäftigten ermöglichen, Stoßzeiten zu umgehen oder auf Verspätungen im öffentlichen Verkehr flexibler zu reagieren.

Die BAuA-Arbeitszeitbefragung 2023 zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen solchen Handlungsspielräumen und der Bewertung von Gesundheit und Work-Life-Balance: Beschäftigte mit mehr Einfluss auf Beginn und Ende ihrer Arbeitszeit berichten häufiger von einem guten Gesundheitszustand und einer guten Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben.⁴

Dabei ist eine wichtige Unterscheidung zu beachten: Flexibilität ist vor allem dann hilfreich, wenn sie den Beschäftigten Handlungsspielraum gibt. Kurzfristige und vom Betrieb vorgegebene Änderungen von Arbeitszeiten können dagegen die Planbarkeit zusätzlich verschlechtern.⁴

2. Mobiles Arbeiten nutzen, wo es zur Tätigkeit passt

Jeder Tag, an dem von zu Hause gearbeitet werden kann, lässt den Arbeitsweg vollständig entfallen. Gerade für Beschäftigte mit langen Pendelwegen kann das einen erheblichen Unterschied machen.

Homeoffice sollte dabei weder pauschal als Lösung für alle Tätigkeiten betrachtet noch ungeregelt eingeführt werden. Die BAuA-Auswertungen zur Arbeit von zu Hause zeigen, dass insbesondere klare betriebliche Regelungen relevant sind. Beschäftigte mit entsprechenden Vereinbarungen berichten über mehr Flexibilität und eine bessere Work-Life-Balance als Beschäftigte, die ohne entsprechende Regelung von zu Hause arbeiten.⁵

Wo mobiles Arbeiten möglich ist, kann es deshalb sinnvoll sein, nicht nur über die Zahl der Homeoffice-Tage nachzudenken, sondern auch darüber, wie planbar Beschäftigte diese Tage nutzen können.

3. Präsenztage sinnvoll organisieren

Wer für einen Arbeitstag insgesamt zwei oder drei Stunden unterwegs ist, wird einen Präsenztag anders bewerten als jemand mit zehn Minuten Arbeitsweg. Das bedeutet nicht, dass lange Pendelwege jede Präsenzanforderung infrage stellen.

Es lohnt sich aber zu prüfen, wofür Anwesenheit tatsächlich einen Mehrwert schafft. Teamarbeit, Workshops, persönliche Abstimmungen oder gemeinsame Entwicklungsformate können gute Gründe für Präsenz sein. Weniger nachvollziehbar ist eine lange Anreise, wenn der Arbeitstag anschließend fast ausschließlich aus digitalen Einzelterminen besteht.

Gerade bei hybriden Arbeitsmodellen kann deshalb eine gewisse Koordination helfen: Wenn gemeinsame Präsenz gewünscht ist, sollten möglichst auch diejenigen Tätigkeiten und Termine auf diese Tage gelegt werden, für die persönliche Zusammenarbeit sinnvoll ist.

4. Planbarkeit erhöhen

Belastend kann nicht nur die Länge eines Arbeitswegs sein. Auch die Kombination aus langer Anfahrt und kurzfristigen Änderungen von Dienstplänen, Schichten oder Präsenzanforderungen kann die Vereinbarkeit mit dem Privatleben erschweren.

Die BAuA weist darauf hin, dass geringe Vorhersehbarkeit und kurzfristige Veränderungen der Arbeitszeit mit einer schlechteren Work-Life-Balance und gesundheitlichen Beeinträchtigungen verbunden sein können.⁴

Wo Arbeitszeiten oder Anwesenheit nicht flexibel gestaltet werden können, gewinnt deshalb zumindest die verlässliche Planbarkeit an Bedeutung.

5. Nicht alle Beschäftigten über einen Kamm scheren

Wie relevant das Thema Pendeln für eine Organisation ist, hängt stark von Belegschaft und Standort ab. In einem zentral gelegenen Unternehmen mit guter ÖPNV-Anbindung können andere Herausforderungen bestehen als an einem Produktionsstandort im ländlichen Raum.

Auch innerhalb desselben Unternehmens können die Unterschiede groß sein. Arbeitsort, Schichtmodell, Tätigkeit, familiäre Situation und individueller Arbeitsweg beeinflussen die Rahmenbedingungen.

Deshalb sollte nicht vorschnell von einzelnen Erfahrungen auf die gesamte Organisation geschlossen werden. Beschäftigtendaten und Feedback können helfen herauszufinden, für welche Gruppen Arbeitszeit, Arbeitsort oder Planbarkeit tatsächlich relevante Handlungsfelder darstellen.

Pendeln und Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung

Bei der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung stehen die Arbeitsbedingungen im Mittelpunkt. Der individuelle Wohnort oder die Länge des privaten Arbeitswegs sind deshalb nicht der zentrale Ansatzpunkt.

Sehr wohl relevant sind aber Bedingungen, die mit langen Arbeitswegen zusammenwirken können: beispielsweise Arbeitszeitgestaltung, Planbarkeit, zeitliche Handlungsspielräume, Arbeitsort sowie die Möglichkeiten für Erholung.

Wenn sich in einer Gefährdungsbeurteilung beispielsweise zeigt, dass bestimmte Beschäftigtengruppen die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben, starre Arbeitszeiten oder geringe Planungssicherheit besonders kritisch bewerten, lohnt sich eine genauere Ursachenanalyse. Lange Arbeitswege können dabei eine zusätzliche Rahmenbedingung sein, die erklärt, warum sich dieselbe Arbeitsorganisation auf verschiedene Gruppen unterschiedlich auswirkt.

Aus unserer Praxis: Bei der Interpretation von Befragungsergebnissen reicht der Blick auf einen einzelnen Mittelwert häufig nicht aus. Wenn beispielsweise Arbeitszeit oder Work-Life-Balance in einem Bereich auffällig bewertet werden, sollte geprüft werden, welche konkreten Bedingungen dahinterstehen. Dazu können Schichtmodelle, geringe zeitliche Handlungsspielräume, hohe Arbeitsmengen – aber eben auch lange Anfahrtswege in Kombination mit diesen Bedingungen gehören.

Was Unternehmen nicht beeinflussen können – und was schon

Unternehmen können Staus nicht verhindern, Bahnverbindungen nicht zuverlässiger machen und ihren Beschäftigten in der Regel auch nicht vorschreiben, näher an den Arbeitsplatz zu ziehen.

Sie können jedoch beeinflussen, ob ein langer Arbeitsweg zusätzlich auf starre Arbeitszeiten trifft, ob Beschäftigte ihre Präsenz sinnvoll planen können und ob ortsflexibles Arbeiten dort ermöglicht wird, wo Tätigkeit und betriebliche Anforderungen dies zulassen.

Kaum vom Unternehmen beeinflussbar Vom Unternehmen gestaltbar
Entfernung zwischen Wohnort und Arbeitsplatz Spielraum bei Beginn und Ende der Arbeitszeit
Staus und Verkehrslage Möglichkeiten für mobiles Arbeiten
Verspätungen im öffentlichen Verkehr Planbarkeit von Arbeits- und Präsenztagen
individuell gewähltes Verkehrsmittel sinnvolle Organisation gemeinsamer Präsenztage

Gerade diese Unterscheidung ist für Prävention wichtig. Maßnahmen sollten möglichst dort ansetzen, wo die Organisation tatsächlich Gestaltungsspielraum besitzt.

Arbeitsbedingungen systematisch untersuchen

Im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung untersuchen wir gemeinsam mit unseren Kunden, welche Arbeitsbedingungen Beschäftigte belasten, welche Gruppen besonders betroffen sind und an welchen Stellen konkrete Veränderungen möglich sind.

Psychische Belastungen untersuchen und Arbeitsbedingungen gezielt verbessern

Fazit: Nicht den Arbeitsweg verändern, sondern die Rahmenbedingungen gestalten

Lange Arbeitswege können für Beschäftigte einen erheblichen zusätzlichen Zeitaufwand darstellen und mit Erschöpfung, gesundheitlichen Beschwerden und einer geringeren Zufriedenheit mit der Work-Life-Balance zusammenhängen.² Gleichzeitig ist Pendeln nicht automatisch gesundheitsschädlich und die wissenschaftlichen Ergebnisse sprechen gegen einfache Ursache-Wirkungs-Aussagen.³

Für Unternehmen ergibt sich daraus eine pragmatische Konsequenz: Sie müssen den Arbeitsweg ihrer Beschäftigten nicht lösen. Sie sollten aber prüfen, ob die eigenen Arbeitsbedingungen seine Auswirkungen unnötig verstärken.

Mehr zeitlicher Handlungsspielraum, verlässliche Planung, sinnvoll organisierte Präsenztage und mobiles Arbeiten können dort, wo sie betrieblich möglich sind, einen relevanten Beitrag leisten.


Quellen und weiterführende Literatur

¹ Statistisches Bundesamt (Destatis): Berufspendler/-innen – Endergebnis des Mikrozensus 2024. Angaben zu Pendeldauer, Entfernung und genutzten Verkehrsmitteln von Erwerbstätigen. Zur Veröffentlichung

² Gerstenberg, S. & Wöhrmann, A. M. (2018): Pendeln und gesundheitliche Beschwerden. Ergebnisse der BAuA-Arbeitszeitbefragung. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Die Auswertung zeigt Zusammenhänge langer täglicher Pendelzeiten mit gesundheitlichen Beschwerden, Erschöpfung und der Zufriedenheit mit der Work-Life-Balance. Zur Veröffentlichung

³ Dragano, N., Burr, H., Formazin, M., Schulz, A. & Rose, U. (2023): Lange Arbeits- und Pendelzeiten als Risikofaktoren für eine depressive Symptomatik: Quer- und Längsschnittanalysen. Gesundheitswesen, 85(11), 1016–1026. Im Querschnitt zeigte sich bei mindestens zehn Stunden wöchentlicher Pendelzeit ein Zusammenhang mit depressiver Symptomatik; im Fünfjahres-Längsschnitt ließ sich dieser Zusammenhang für die Pendelzeit nicht bestätigen. Zur Veröffentlichung

⁴ Nold, J., Entgelmeier, I. & Kötter, J. (2024): Flexibilität der Arbeitszeit: Ergebnisse der BAuA-Arbeitszeitbefragung 2023. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Zeitliche Handlungsspielräume gehen mit besserer Gesundheit und höherer Zufriedenheit mit der Work-Life-Balance einher; betrieblich bedingte Flexibilitätsanforderungen zeigen dagegen ungünstigere Zusammenhänge. Zur Veröffentlichung

⁵ Entgelmeier, I. (2026): Arbeit von zu Hause: Ergebnisse der BAuA-Arbeitszeitbefragung 2023. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Die Auswertung betrachtet unter anderem betriebliche Vereinbarungen, Flexibilität, Entgrenzung und Work-Life-Balance bei der Arbeit von zu Hause. Zur Veröffentlichung

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