Aktualisiert am 15.09.2026
Fehler lassen sich auch mit guten Prozessen, qualifizierten Mitarbeitenden und sorgfältiger Arbeit nicht vollständig vermeiden. Für Unternehmen ist deshalb nicht nur entscheidend, Fehler möglichst zu verhindern. Ebenso wichtig ist, was passiert, wenn etwas schiefgeht.
Werden Fehler früh erkannt und offen angesprochen? Werden ihre Ursachen untersucht? Übernehmen die Beteiligten Verantwortung? Und führen die Erkenntnisse anschließend tatsächlich zu besseren Abläufen?
Eine gute Fehlerkultur bedeutet dabei ausdrücklich nicht, dass Fehler verharmlost werden oder Verantwortung keine Rolle spielt. Sie soll ermöglichen, aus Fehlern zu lernen und Ursachen zu beseitigen, damit vergleichbare Probleme möglichst nicht erneut auftreten.
Kurz gesagt: Eine lernorientierte Fehlerkultur lässt sich an vier Punkten festmachen: Fehler werden erkannt, angesprochen, analysiert und die gewonnenen Erkenntnisse werden genutzt. Verantwortung bleibt dabei bestehen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich vergleichbare Fehler künftig vermeiden lassen.
Fehlerkultur heißt nicht, Fehler zu verharmlosen
Fehler können Kosten verursachen, Kundenbeziehungen belasten oder die Qualität von Produkten und Dienstleistungen beeinträchtigen. In sicherheitskritischen Bereichen wie Medizin, Luftfahrt oder Industrie können die Konsequenzen noch wesentlich schwerwiegender sein.
Eine konstruktive Fehlerkultur steht deshalb nicht im Gegensatz zur Fehlerprävention. Unternehmen sollten vermeidbare Fehler möglichst verhindern und gleichzeitig dafür sorgen, dass auftretende Fehler früh erkannt, offen angesprochen und für Verbesserungen genutzt werden.
Die Forschung spricht in diesem Zusammenhang von einer Error Management Culture. Dazu gehören unter anderem die schnelle Erkennung und Korrektur von Fehlern, Kommunikation darüber und eine systematische Analyse ihrer Ursachen. Eine Untersuchung in niederländischen und deutschen Unternehmen fand einen positiven Zusammenhang zwischen einer solchen Fehlerkultur und der Unternehmensleistung.¹
Für den Arbeitsalltag lassen sich daraus vier Bausteine ableiten.
1. Fehler müssen erkannt werden
Aus einem Fehler kann nur gelernt werden, wenn er überhaupt sichtbar wird.
Klare Prozesse, Zuständigkeiten und Qualitätsstandards helfen dabei. Mitarbeitende müssen wissen, welches Ergebnis erwartet wird und woran sie erkennen können, dass etwas nicht wie vorgesehen funktioniert.
Ebenso wichtig sind Rückmeldungen. Fehler fallen eher auf, wenn Kolleg:innen Arbeitsergebnisse besprechen, Führungskräfte regelmäßig Feedback geben und Mitarbeitende Informationen über die Auswirkungen ihrer Arbeit erhalten.
Auch Qualifikation spielt eine Rolle. Wer einen Prozess und seine Anforderungen versteht, kann Abweichungen besser erkennen und einschätzen.
Unternehmen sollten deshalb nicht nur fragen, wie sich Fehler verhindern lassen, sondern auch: Wie schnell würden wir überhaupt bemerken, dass etwas schiefläuft?
2. Fehler müssen angesprochen werden können
Eigene Fehler anzusprechen fällt nicht immer leicht. Noch wichtiger ist deshalb ein Arbeitsumfeld, in dem Mitarbeitende einen Fehler frühzeitig melden können – auch dann, wenn sie ihn selbst gemacht haben. Gleiches gilt, wenn jemand eine mögliche Fehlerquelle entdeckt, bevor überhaupt etwas passiert ist.
Eine sachbezogene Diskussion über Fehler, Risiken und Probleme muss jederzeit möglich sein. Im Mittelpunkt sollte zunächst stehen, was passiert ist, welche Auswirkungen entstehen können und wie sich ein vergleichbarer Fehler künftig vermeiden lässt.
Hier spielt psychologische Sicherheit eine wichtige Rolle. Gemeint ist ein Arbeitsumfeld, in dem Mitarbeitende Fragen stellen, Zweifel äußern, Probleme ansprechen und auch eigene Fehler offenlegen können. Eine Meta-Analyse mit 136 unabhängigen Stichproben und mehr als 22.000 Personen zeigt Zusammenhänge zwischen psychologischer Sicherheit und unter anderem Informationsaustausch, Lernen und Leistung.²
Führungskräfte prägen wesentlich, ob diese Offenheit tatsächlich möglich ist. Wer auf die Meldung eines Fehlers sachlich reagiert und gemeinsam nach Ursachen und Lösungen sucht, erleichtert es Mitarbeitenden, auch beim nächsten Mal frühzeitig auf ein Problem hinzuweisen.
Das bedeutet nicht, dass jedes Verhalten gleich behandelt werden sollte. Bewusste Regelverstöße oder ein vorsätzlicher Umgang mit erheblichen Risiken sind anders zu bewerten als ein unbeabsichtigter Fehler. Solche Fälle verlangen eine gesonderte Klärung und gegebenenfalls auch deutlichere Konsequenzen.
3. Fehler analysieren und Verantwortung übernehmen
Wenn ein Fehler auftritt, ist es im ersten Schritt wenig zielführend zu fragen, wer ihn verursacht hat. Startpunkt sollte sein: Was können wir tun, damit dieser Fehler nicht noch einmal auftritt?
Damit verändert sich auch die Analyse. Statt zuerst nach einer verantwortlichen Person zu suchen, wird betrachtet, wie der Fehler entstehen konnte: Waren Prozesse eindeutig? Standen die notwendigen Informationen zur Verfügung? Gab es Zeitdruck? Waren Zuständigkeiten klar? War die notwendige Qualifikation vorhanden? Haben technische Systeme oder Schnittstellen zum Problem beigetragen?
Verantwortung fällt dadurch nicht weg. Mitarbeitende sollten eigene Fehler offen ansprechen, bei der Klärung unterstützen und gemeinsam mit anderen überlegen können, was künftig anders laufen sollte. Genau dafür braucht es eine Kultur, in der ein sachlicher Dialog über Fehler möglich ist.
Das Konzept der Just Culture unterscheidet dabei zwischen unterschiedlichen Situationen. Ein unbeabsichtigter Fehler wird anders betrachtet als riskantes Verhalten oder ein bewusster Regelverstoß.³ Für eine lernorientierte Fehlerkultur ist diese Unterscheidung hilfreich: Nicht jeder Fehler hat dieselbe Ursache und nicht jeder Fehler erfordert dieselbe Reaktion.
Nicht bei der Person stehen bleiben
Wenn beispielsweise eine wichtige Kundeninformation nicht weitergegeben wurde, sollte zunächst nachvollzogen werden, wie der Informationsfluss eigentlich vorgesehen ist. War eindeutig, wer die Information weitergeben sollte? Gab es einen verbindlichen Übergabeprozess? Lief die Kommunikation über mehrere parallele Kanäle? Gab es eine Vertretungsregel?
Natürlich gehört auch dazu, offen darüber sprechen zu können, wenn jemand selbst etwas übersehen oder vergessen hat. Das Ziel dieses Gesprächs sollte jedoch sein, gemeinsam zu verstehen, warum es passiert ist und wie ein vergleichbarer Fehler künftig vermieden werden kann.
So können je nach Ursache persönliche Arbeitsweisen, Absprachen, Prozesse oder Rahmenbedingungen angepasst werden – und aus dem konkreten Fehler entsteht eine Verbesserung, von der auch andere profitieren.
4. Erkenntnisse teilen und Verbesserungen umsetzen
Eine gründliche Fehleranalyse hat wenig Nutzen, wenn ihre Erkenntnisse nur bei den unmittelbar Beteiligten bleiben.
Organisationen sollten deshalb klären, wer von einem Fehler und den daraus gezogenen Schlussfolgerungen wissen muss. Das bedeutet nicht, jeden Vorfall unternehmensweit zu kommunizieren. Relevant ist, wo vergleichbare Prozesse oder Risiken bestehen.
Entscheidend ist außerdem, dass aus einer Analyse tatsächlich etwas folgt. Je nach Ursache können beispielsweise Prozesse angepasst, Zuständigkeiten geklärt, technische Lösungen verändert oder Mitarbeitende zusätzlich qualifiziert werden.
Hier schließt sich der Kreis zum ersten Baustein: Nach einer Veränderung sollte überprüft werden, ob der Fehler damit tatsächlich unwahrscheinlicher geworden ist.
Eine aktuelle Meta-Analyse zur Teamreflexion zeigt ebenfalls, dass gemeinsames Nachdenken über Arbeitsweisen mit Teamleistung zusammenhängt. Führungskräfte können diese Reflexion insbesondere unterstützen, indem sie Beteiligung an Diskussionen ermöglichen und psychologische Sicherheit fördern.⁴
Welche Rolle spielen Führungskräfte für die Fehlerkultur?
Ob offen über Fehler gesprochen wird, entscheidet sich häufig im konkreten Arbeitsumfeld. Führungskräfte prägen dieses Umfeld durch ihre Reaktionen.
Eine Untersuchung in 13 niederländischen Finanzunternehmen mit 436 Befragten und ergänzenden Interviews zeigt einen Zusammenhang zwischen dem Verhalten des Topmanagements und der direkten Führungskräfte, der Fehlerkultur und dem Lernen aus Fehlern.⁵
Für Führungskräfte stellen sich deshalb unter anderem folgende Fragen:
- Wie reagiere ich, wenn mir ein Fehler gemeldet wird?
- Schaffe ich einen Rahmen, in dem auch eigene Fehler offen angesprochen werden können?
- Wie gehe ich mit Hinweisen auf mögliche Fehlerquellen um?
- Spreche ich eigene Fehlentscheidungen offen an?
- Erwarte ich von Mitarbeitenden, Verantwortung für ihre Arbeit zu übernehmen?
- Sorge ich dafür, dass Ursachen untersucht und vereinbarte Verbesserungen umgesetzt werden?
Gerade hier können Selbstbild und Fremdwahrnehmung auseinandergehen. Ein Führungskräfte-Feedback kann beispielsweise zeigen, wie Mitarbeitende den Umgang ihrer Führungskraft mit Fehlern, Kritik und schwierigen Themen tatsächlich erleben.
Wie lässt sich Fehlerkultur in einer Mitarbeitendenbefragung untersuchen?
Eine allgemeine Aussage wie „In unserem Unternehmen herrscht eine gute Fehlerkultur“ eignet sich aus unserer Sicht nur begrenzt für eine Mitarbeitendenbefragung. Für die Befragten ist nicht eindeutig, was sie dabei bewerten sollen: den Umgang der Führungskraft mit Fehlern, die Offenheit im direkten Arbeitsumfeld, die Ursachenanalyse oder den Umgang mit gewonnenen Erkenntnissen.
Aussagekräftiger ist es, konkrete Aspekte getrennt zu erfassen. Beispielsweise:
- Können Fehler und Probleme im direkten Arbeitsumfeld offen angesprochen werden?
- Reagieren Führungskräfte konstruktiv, wenn Fehler auftreten?
- Werden die Ursachen von Fehlern ausreichend untersucht?
- Werden aus Fehlern konkrete Verbesserungen abgeleitet?
- Werden relevante Erkenntnisse an andere Mitarbeitende weitergegeben?
- Sind Verantwortlichkeiten für die Beseitigung von Fehlerursachen klar?
Die einzelnen Ergebnisse können ein sehr unterschiedliches Bild ergeben. In einer Organisation werden Fehler vielleicht offen angesprochen, anschließend aber kaum systematisch ausgewertet. Anderswo funktionieren Analyse und Verbesserungsprozesse gut, Mitarbeitende zögern jedoch, Probleme frühzeitig zu melden.
Aus unserer Erfahrung sind auch Unterschiede innerhalb einer Organisation aufschlussreich. Fehlerkultur wird im unmittelbaren Arbeitsumfeld erlebt und kann sich deshalb zwischen verschiedenen Teilen der Organisation oder Führungskräften deutlich unterscheiden.
Wie wird mit Fehlern in Ihrer Organisation tatsächlich umgegangen?
Eine Mitarbeitendenbefragung kann zeigen, ob Fehler offen angesprochen werden, wie Führungskräfte darauf reagieren, ob Ursachen systematisch analysiert werden und ob aus Fehlern konkrete Verbesserungen entstehen.
PRIOTAS Studio: Fehlerkultur selbst untersuchen
Wenn Sie selbst untersuchen möchten, wie Mitarbeitende den Umgang mit Fehlern erleben, können Sie in PRIOTAS Studio Ziel und relevante Themen vorgeben. Studio unterstützt bei der Erstellung des Fragebogens, wertet die Ergebnisse aus und leitet daraus konkrete Handlungsempfehlungen ab.
Mitarbeitenden- und Pulsbefragungen selbst erstellen und durchführen
Fazit: Verantwortung und Lernen gehören zusammen
Eine gute Fehlerkultur zeichnet sich nicht dadurch aus, dass Fehler verharmlost werden. Unternehmen sollten vermeidbare Fehler möglichst verhindern und Mitarbeitende Verantwortung für ihre Arbeit übernehmen.
Gleichzeitig müssen Mitarbeitende Probleme, entdeckte Fehlerquellen und eigene Fehler offen ansprechen können, ohne persönliche Nachteile befürchten zu müssen.
Wenn ein Fehler auftritt, sollte zunächst untersucht werden, welche Bedingungen dazu beigetragen haben: beispielsweise Prozesse, Informationswege, Zuständigkeiten, Arbeitsbedingungen oder Qualifikation. Wo das konkrete Handeln einzelner Beteiligter relevant ist, gehört auch dieses in die gemeinsame Analyse – aber nicht als vorschneller Ausgangspunkt.
Aus Fehlern wird erst dann gelernt, wenn offen darüber gesprochen werden kann, Ursachen verstanden werden und daraus konkrete Veränderungen entstehen.
Quellen und weiterführende Literatur
¹ van Dyck, C., Frese, M., Baer, M. & Sonnentag, S. (2005): Organizational Error Management Culture and Its Impact on Performance: A Two-Study Replication. Journal of Applied Psychology, 90(6), 1228–1240. Zur Veröffentlichung
² Frazier, M. L., Fainshmidt, S., Klinger, R. L., Pezeshkan, A. & Vracheva, V. (2017): Psychological Safety: A Meta-Analytic Review and Extension. Personnel Psychology, 70(1), 113–165. Zur Veröffentlichung
³ Agency for Healthcare Research and Quality (AHRQ): System-Focused Event Investigation and Analysis Guide. Überblick zum Just-Culture-Ansatz und zur Verbindung von systemischer Fehleranalyse und individueller Verantwortlichkeit. Zur Veröffentlichung
⁴ Leblanc, P.-M., Harvey, J.-F. & Rousseau, V. (2024): A meta-analysis of team reflexivity: Antecedents, outcomes, and boundary conditions. Human Resource Management Review, 34(4), 101042. Zur Veröffentlichung
⁵ van Steenbergen, E. F., van der Ven, C., Peeters, M. C. W. & Taris, T. W. (2020): Learn to build an error management culture. Journal of Financial Regulation and Compliance, 28(1), 57–73. Zur Veröffentlichung