Aktualisiert am 20.09.2026
Prävention beginnt nicht erst dann, wenn Fehlzeiten steigen, Beschwerden auftreten oder Beschäftigte über eine dauerhaft hohe Belastung berichten. Eine gute Präventionskultur zeigt sich vielmehr darin, dass Sicherheit und Gesundheit bereits bei Entscheidungen, Führung und Arbeitsgestaltung selbstverständlich mitgedacht werden.
Damit geht Präventionskultur weit über einzelne Gesundheitsmaßnahmen, Schulungen oder Aktionstage hinaus. Entscheidend ist, wie Arbeit im Alltag organisiert wird, wie offen über Risiken gesprochen werden kann und ob aus erkannten Problemen tatsächlich Verbesserungen entstehen.
Was bedeutet Präventionskultur?
Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung beschreibt die Kultur der Prävention danach, wie stark und selbstverständlich Sicherheit und Gesundheit im Arbeitsalltag berücksichtigt werden. Sie unterscheidet sechs miteinander verbundene Handlungsfelder: Führung, Kommunikation, Beteiligung, Fehlerkultur, Betriebsklima sowie Sicherheit und Gesundheit.¹
Eine ausgeprägte Präventionskultur zeigt sich deshalb nicht an einer einzelnen Maßnahme. Sie zeigt sich beispielsweise darin, ob Führungskräfte Gesundheit bei Entscheidungen berücksichtigen, Beschäftigte auf Probleme aufmerksam machen können, ihr Wissen bei Verbesserungen einbezogen wird und Risiken nicht erst nach einem Vorfall bearbeitet werden.
| Handlungsfeld |
Was das im Arbeitsalltag bedeuten kann |
| Führung |
Sicherheit und Gesundheit werden bei Entscheidungen und Prioritäten berücksichtigt. |
| Kommunikation |
Belastungen, Risiken und Verbesserungsmöglichkeiten können offen angesprochen werden. |
| Beteiligung |
Erfahrungen und Wissen der Beschäftigten fließen in die Gestaltung von Arbeit ein. |
| Fehlerkultur |
Fehler und kritische Situationen werden genutzt, um Ursachen zu verstehen und Wiederholungen möglichst zu vermeiden. |
| Betriebsklima |
Zusammenarbeit ist von Respekt, Unterstützung und Vertrauen geprägt. |
| Sicherheit und Gesundheit |
Arbeitsbedingungen und Prozesse werden so gestaltet, dass Gefährdungen möglichst vermieden werden. |
Gerade die Fehlerkultur ist dabei eng mit Prävention verbunden. Beschäftigte müssen Fehler, Risiken und problematische Arbeitsbedingungen ansprechen können, damit eine Organisation reagieren kann, bevor daraus größere Probleme entstehen.
Psychische Belastung ist nicht automatisch negativ
Beim Thema Prävention ist eine begriffliche Unterscheidung wichtig: Psychische Belastung ist zunächst wertneutral. Sie beschreibt Anforderungen und Einflüsse, die bei der Arbeit auf Beschäftigte einwirken. Dazu gehören beispielsweise Arbeitsmenge, Aufgaben, Unterbrechungen, Handlungsspielräume, soziale Beziehungen oder Arbeitszeiten.
Viele Anforderungen sind selbstverständlicher Bestandteil von Arbeit und können durchaus positive Wirkungen haben. Kritisch wird es, wenn Arbeitsbedingungen so ausgeprägt sind, dass daraus Gefährdungen für die Gesundheit entstehen können.
Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin nennt beispielsweise ein dauerhaftes Ungleichgewicht zwischen Arbeitsmenge und verfügbarer Zeit, unklare Zuständigkeiten, fehlende Handlungsspielräume, häufige Unterbrechungen oder mangelnde soziale Unterstützung als mögliche kritische Arbeitsbedingungen.²
Prävention bedeutet deshalb nicht, jede psychische Belastung zu vermeiden. Ziel ist vielmehr, Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass kritische Belastungsausprägungen möglichst gar nicht erst entstehen oder frühzeitig verändert werden.
Prävention setzt an den Arbeitsbedingungen an
Diese Sichtweise ist auch für die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung zentral. Die aktuellen Empfehlungen der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie stellen Gestaltungsziele ausdrücklich in den Mittelpunkt.³ Auch die BAuA betont, dass der Fokus nicht allein auf dem Messen psychischer Belastung liegen sollte, sondern auf der anschließenden Gestaltung der Arbeit.⁴
Dabei können sehr unterschiedliche Bereiche relevant sein:
- Arbeitsinhalte und Aufgaben,
- Arbeitsorganisation und Prozesse,
- Arbeitszeit und Arbeitsmenge,
- Rollen, Zuständigkeiten und Entscheidungsspielräume,
- Führung und soziale Beziehungen,
- Arbeitsumgebung sowie
- Arbeitsmittel und technische Rahmenbedingungen.
Seit 2013 nennt § 5 Arbeitsschutzgesetz psychische Belastungen bei der Arbeit ausdrücklich als möglichen Bestandteil einer Gefährdung, der im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigt werden muss.⁵
Präventionskultur wird an konkreten Arbeitsbedingungen sichtbar
Wie unterschiedlich Prävention aussehen kann, zeigen zwei Beispiele aus unserer Beratungspraxis.
Aus unserer Praxis: Zu kleine Arbeitsbereiche im Einzelhandel
In einer Supermarktkette war das Angebot von frisch geschnittenem Obst eingeführt worden. Im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung zeigte sich, dass Mitarbeitende, die das Obst direkt in den Märkten vorbereiteten, ihre Arbeitsumgebung kritisch bewerteten.
Bei der genaueren Betrachtung wurde ein sehr konkretes Problem sichtbar: Die dafür vorgesehenen Küchen waren schlicht zu klein. Die Beschäftigten mussten unter räumlich ungünstigen Bedingungen arbeiten, was die Tätigkeit unnötig erschwerte.
Das Unternehmen vergrößerte daraufhin mehrere Küchen. In der anschließenden Wirksamkeitsprüfung zeigte sich eine deutliche Verbesserung. Das Beispiel zeigt gut, dass Prävention nicht zwangsläufig aus Gesundheitskursen oder individuellen Unterstützungsangeboten bestehen muss. Manchmal liegt der entscheidende Hebel ganz konkret in der Gestaltung der Arbeitsbedingungen.
Das Beispiel zeigt außerdem, warum die Perspektive der Beschäftigten wichtig ist. Auf dem Papier kann ein Prozess funktionieren. Wie Arbeitsbedingungen tatsächlich erlebt werden und wo praktische Schwierigkeiten entstehen, wird häufig erst sichtbar, wenn die Menschen einbezogen werden, die täglich mit ihnen arbeiten.
Aus unserer Praxis: Gefahren direkt aus dem Arbeitsalltag melden
In einer Schiffswerft hatten sich schwere Arbeitsunfälle gehäuft. Ein Teil der Präventionsmaßnahmen bestand darin, auf dem Werksgelände Telefone bereitzustellen, über die Beschäftigte erkannte Gefahren unmittelbar melden konnten.
Der entscheidende Punkt war dabei nicht allein die technische Möglichkeit zur Meldung. Mitarbeitende wurden ausdrücklich dazu aufgefordert, Risiken im Arbeitsalltag wahrzunehmen und weiterzugeben. Sicherheit wurde damit stärker zu einer gemeinsamen Aufgabe.
Nach Einführung der Maßnahmen gingen die Unfallzahlen deutlich zurück. Gleichzeitig wurde ein Verhalten gestärkt, das für Präventionskultur zentral ist: Risiken werden nicht ignoriert oder als Angelegenheit anderer betrachtet, sondern erkannt, angesprochen und bearbeitet.
Warum Beteiligung für Prävention wichtig ist
Beide Beispiele machen deutlich, dass Prävention weder ausschließlich von oben noch ausschließlich von den Beschäftigten ausgehen kann.
Die Organisation muss geeignete Strukturen, Ressourcen und Entscheidungswege schaffen. Gleichzeitig verfügen Beschäftigte über Wissen, das bei der Gestaltung von Arbeitsbedingungen unverzichtbar ist: Sie erleben Prozesse, Schnittstellen, Arbeitsmittel und Belastungssituationen täglich.
Auch die DGUV hebt Beteiligung deshalb als eines der zentralen Handlungsfelder einer Präventionskultur hervor. Ihr KulturCheck verbindet die Betrachtung struktureller Bedingungen ausdrücklich mit der Perspektive der Beschäftigten.⁶
Welche Rolle spielt die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung?
Eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung kann einen wichtigen Beitrag zu einer Präventionskultur leisten. Sie schafft einen strukturierten Rahmen, um Arbeitsbedingungen zu untersuchen, kritische Bereiche zu erkennen und konkrete Verbesserungen abzuleiten.
Entscheidend ist dabei, die Gefährdungsbeurteilung nicht als einmalige Befragung zu verstehen. Die Erhebung ist nur ein Teil des Prozesses.
Aus unserer Sicht gehören mindestens folgende Schritte zusammen:
- relevante Tätigkeiten und Arbeitsbereiche festlegen,
- psychische Belastungen beziehungsweise Arbeitsbedingungen erfassen und beurteilen,
- Handlungsfelder identifizieren,
- geeignete Maßnahmen entwickeln und umsetzen,
- Verantwortlichkeiten für die Umsetzung festlegen und
- anschließend prüfen, ob die Maßnahmen tatsächlich die gewünschte Wirkung erzielen.
Gerade die Wirksamkeitsprüfung ist wichtig. Erst sie zeigt, ob eine Maßnahme die Arbeitsbedingungen tatsächlich verbessert hat oder ob weitere Anpassungen notwendig sind.
Von der Gefährdungsbeurteilung zur Präventionskultur
Eine Gefährdungsbeurteilung allein schafft noch keine Präventionskultur. Sie kann aber einen wichtigen Impuls geben.
Langfristig entsteht Präventionskultur dann, wenn der Umgang mit Sicherheit und Gesundheit in den Arbeitsalltag übergeht: Führungskräfte berücksichtigen gesundheitliche Auswirkungen bei Entscheidungen, Beschäftigte sprechen Probleme frühzeitig an, Arbeitsbedingungen werden regelmäßig hinterfragt und erkannte Handlungsfelder tatsächlich bearbeitet.
Dazu gehört auch, Prävention nicht erst bei offensichtlichen Problemen zu beginnen. Die BAuA empfiehlt für die Gefährdungsbeurteilung ausdrücklich präventions- und gestaltungsorientierte Prozesse, bei denen gefragt wird, was im Betrieb getan werden kann, damit kritische Belastungsausprägungen möglichst gar nicht erst entstehen.⁴
Fazit: Prävention wird im Arbeitsalltag sichtbar
Präventionskultur entsteht nicht durch eine einzelne Maßnahme. Sie zeigt sich darin, wie eine Organisation mit Sicherheit, Gesundheit, Fehlern und erkannten Risiken im täglichen Arbeitsleben umgeht.
Eine gute Präventionskultur schafft Voraussetzungen dafür, dass Probleme früh sichtbar werden, Beschäftigte ihre Erfahrungen einbringen können und Arbeitsbedingungen verändert werden, bevor sich kritische Belastungssituationen verfestigen.
Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung kann dafür einen wichtigen strukturierten Ausgangspunkt liefern. Entscheidend ist jedoch, dass auf die Analyse auch Gestaltung, Umsetzung und Wirksamkeitsprüfung folgen.
Quellen und weiterführende Literatur
¹ Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV): Kultur der Prävention – Handlungsfelder. Die DGUV unterscheidet die sechs Handlungsfelder Führung, Kommunikation, Beteiligung, Fehlerkultur, Betriebsklima sowie Sicherheit und Gesundheit. Zur Veröffentlichung
² Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): Psychische Faktoren. Überblick über relevante psychische Belastungsfaktoren und Möglichkeiten präventiver Arbeitsgestaltung. Zur Veröffentlichung
³ Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA): Berücksichtigung psychischer Belastung in der Gefährdungsbeurteilung – Empfehlungen zur Umsetzung in der betrieblichen Praxis. 4. vollständig überarbeitete Auflage, Stand 2022, aktualisiert 2026. Die Empfehlungen stellen Gestaltungsziele zum Schutz vor Gefährdungen durch psychische Belastung in den Mittelpunkt. Zur Veröffentlichung
⁴ Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) (2025): Gefährdungen durch psychische Belastungen bei der Arbeit vermeiden. Gestaltungsanforderungen und -optionen. Das Fachbuch behandelt unter anderem präventive Arbeitsgestaltung und Erfolgsfaktoren für den betrieblichen Umgang mit Gefährdungen durch psychische Belastung. Zur Veröffentlichung
⁵ Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG), § 5: Beurteilung der Arbeitsbedingungen. Psychische Belastungen bei der Arbeit werden ausdrücklich als möglicher Gefährdungsfaktor genannt. Zum Gesetzestext
⁶ Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV): Der KulturCheck. Analyseinstrument zur Betrachtung der Präventionskultur aus struktureller Perspektive und aus Sicht der Beschäftigten. Zur Veröffentlichung