Perfektionismus: Fluch oder Segen?

Perfektionismus: Fluch oder Segen?

Attraktiver, sportlicher, erfolgreicher – der Trend zu Selbstoptimierung und Makellosigkeit hat die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts fest im Griff. Übertriebenes Streben nach Perfektion – wie Perfektionismus laut Duden definiert wird – mag zunächst den Anschein einer positiven Eigenschaft erwecken. Welches Unternehmen freut sich nicht über hochmotivierte Mitarbeitende, die danach streben, möglichst jede Aufgabe optimal zu lösen?

Perfektionismus kann jedoch auch seine Schattenseiten haben. Eine Meta-Analyse speziell zum Perfektionismus im Arbeitskontext zeigt, dass Perfektionismus sowohl mit positiven als auch mit negativen arbeitsbezogenen Faktoren zusammenhängt. Der Zusammenhang mit der tatsächlichen Arbeitsleistung fällt dagegen insgesamt uneindeutig aus.¹ Besonders die problematischen Facetten des Perfektionismus können mit Stress und gesundheitlichen Belastungen verbunden sein.

Facetten des Perfektionismus

Zunächst ist es wichtig, den funktionalen („gesunden“) vom dysfunktionalen Perfektionismus abzugrenzen. Die Forschung unterscheidet entsprechend zwischen dem Streben nach hohen Standards und perfektionistischen Sorgen, etwa ausgeprägter Angst vor Fehlern oder Zweifeln an der eigenen Leistung.²

Grundsätzlich ist es keine schlechte Eigenschaft, Aufgaben optimal lösen und Höchstleistungen bringen zu wollen. Funktionale Perfektionist:innen streben nach sehr guten Ergebnissen, wissen jedoch auch, dass ihre hochgesteckten Ziele nicht immer erreichbar sind. Ihr Selbstwert hängt weniger ausschließlich von ihrer Leistung ab und wenn Fehler passieren, können sie damit besser umgehen. Diese Ausprägung weist Überschneidungen mit Eigenschaften wie Gewissenhaftigkeit und Leistungsorientierung auf.

Dysfunktionale Perfektionist:innen dagegen neigen dazu, ihr Selbstwertgefühl stärker an ihrer Leistung und der Anerkennung durch andere zu messen. Sie versuchen, Fehler möglichst vollständig zu vermeiden und sehr hohe Standards zu erfüllen. Da dies ein nahezu unmögliches Unterfangen darstellen kann, sind dysfunktionale Perfektionist:innen häufig unzufrieden mit ihrer eigenen Leistung und stehen unter hoher Anspannung.

Begünstigende Faktoren für dysfunktionalen Perfektionismus

Abhängig vom Zusammentreffen verschiedener Faktoren kann dysfunktionaler Perfektionismus mehr oder weniger große Belastungen verursachen. Besonders ungünstig kann die Kombination aus hohen eigenen Ansprüchen und einem dauerhaft hohen Arbeitsvolumen sein. Während manche Menschen zeitweisen Druck gut bewältigen, kann ein dauerhaftes Missverhältnis zwischen Arbeitsmenge und verfügbarer Zeit zu erheblicher Belastung führen. Auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) nennt hohe Arbeitsintensität und Zeitdruck als relevante Faktoren psychischer Belastung.³

Auch fehlende Wertschätzung seitens der Führungskraft kann sich negativ auswirken. Wenn der eigene Anspruch stark mit dem Wunsch nach Anerkennung verbunden ist, können fehlende Rückmeldung und Wertschätzung dazu führen, die eigenen Anstrengungen immer weiter zu erhöhen. Die BAuA nennt fehlende Anerkennung und mangelnde soziale Unterstützung durch Vorgesetzte ebenfalls als relevante ungünstige Arbeitsbedingungen.³

Eine Lebenskrise – wie beispielsweise eine Trennung oder ein Todesfall – kann die negativen Auswirkungen von dysfunktionalem Perfektionismus ebenfalls verstärken. Arbeit kann in einer solchen Phase als Ablenkung erlebt werden. Das Arbeitspensum zu erhöhen, kann zunächst entlastend wirken. Dauerhaft können hohe Ansprüche an die eigene Leistung in Kombination mit weiteren Belastungen jedoch zusätzlichen Stress erzeugen.

Auswirkungen von dysfunktionalem Perfektionismus

Dysfunktionaler Perfektionismus kann sowohl die Betroffenen selbst als auch die Arbeit im Unternehmen beeinträchtigen. Eine Meta-Analyse mit 43 Studien und insgesamt 9.838 Teilnehmenden zeigt insbesondere für perfektionistische Sorgen deutliche Zusammenhänge mit Burnout.⁴ Eine weitere große Meta-Analyse fand Zusammenhänge zwischen perfektionistischen Sorgen und Symptomen von Depressionen und Angststörungen.⁵

Auch aus Unternehmensperspektive können problematische perfektionistische Verhaltensweisen Nachteile mit sich bringen. Wird unverhältnismäßig viel Zeit auf Aufgaben verwendet, beispielsweise für das wiederholte Überarbeiten kleiner Details, fehlen diese Ressourcen an anderer Stelle. Auch die Arbeitsatmosphäre kann darunter leiden. Perfektionistische Ansprüche können sich nicht nur gegen die eigene Person richten, sondern auch die Erwartungen an Kolleg:innen oder Mitarbeitende prägen.

Gerade perfektionistische Führungskräfte können hohe Anforderungen stellen, ohne ihre Erwartungen ausreichend klar zu formulieren. Eine Wertschätzung der erbrachten Leistung bleibt dann möglicherweise ebenfalls aus.

Dysfunktionalem Perfektionismus auf die Schliche kommen

Dysfunktionalen Perfektionismus bei einzelnen Mitarbeitenden zu erkennen oder zu diagnostizieren, ist nicht Aufgabe einer Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung. Eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung kann jedoch Arbeitsbedingungen sichtbar machen, die dauerhaft hohe Anspannung und problematische Verhaltensmuster begünstigen können.

Dabei lassen sich beispielsweise folgende Fragen systematisch betrachten:

  • Sind Zeitdruck und Überstunden häufig die Regel?
  • Stehen Arbeitsmenge und verfügbare Zeit in einem angemessenen Verhältnis?
  • Sind Aufgaben, Zuständigkeiten und Prioritäten klar?
  • Welche Unterstützung erhalten Mitarbeitende durch ihre Führungskräfte?
  • Gibt es ausreichend Rückmeldung, Anerkennung und soziale Unterstützung?

Genau solche Faktoren nennt auch die BAuA als relevante Aspekte bei der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung.³ Die Analyse richtet den Blick damit auf die Arbeitsbedingungen, an denen ein Unternehmen konkret etwas verändern kann.

Psychische Belastungen erkennen und gezielt reduzieren

PRIOTAS begleitet Organisationen bei der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung von der Planung und Auswahl des passenden Vorgehens über die Erhebung und Auswertung bis zur Entwicklung geeigneter Maßnahmen und der Wirksamkeitskontrolle.

Je nach Organisation können Befragungen, Analyse-Workshops, Interviews oder eine Kombination verschiedener Methoden sinnvoll sein.

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Dysfunktionalen Perfektionismus bekämpfen

Ist das Problem erkannt, ist es wichtig, geeignete Maßnahmen zu definieren. Regelmäßige Erholungsphasen sowie eine gute Work-Life-Balance sind wichtige Voraussetzungen für die Aufrechterhaltung psychischer und physischer Gesundheit. Auch wurden in einigen Konzernen bereits Entlastungskonzepte wie das automatische Löschen von E-Mails im Urlaub oder eine E-Mail-Pause nach Feierabend eingeführt.

Ebenfalls ist es wichtig, dass Führungskräfte klare Strukturen und Standards vorgeben. Sie sollten ihre Erwartungen hinsichtlich des Aufgabenprozesses sowie des Resultats deutlich kommunizieren. Aussagen wie beispielsweise „Wir brauchen keinen zehnseitigen Bericht, sondern nur Stichpunkte im Umfang von ein bis zwei Seiten“ können hier hilfreich sein. Eine wertschätzende Arbeitsatmosphäre sowie eine konstruktive Fehlerkultur sollten eine Grundvoraussetzung im Unternehmen sein.

Diese Maßnahmen setzen vor allem an den Arbeitsbedingungen an. Wenn perfektionistische Denk- und Verhaltensmuster für eine Person selbst zu einer starken Belastung werden, kann darüber hinaus professionelle psychotherapeutische Unterstützung sinnvoll sein. Eine Meta-Analyse von 15 randomisierten kontrollierten Studien zeigt, dass kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze perfektionistische Denk- und Verhaltensmuster deutlich reduzieren können. Auch bei begleitenden depressiven Symptomen und Ängsten zeigten sich Verbesserungen.⁶


Quellen und weiterführende Literatur

¹ Harari, D., Swider, B. W., Steed, L. B. & Breidenthal, A. P. (2018): Is Perfect Good? A Meta-Analysis of Perfectionism in the Workplace. Journal of Applied Psychology, 103(10), 1121–1144.

² Stoeber, J. & Otto, K. (2006): Positive Conceptions of Perfectionism: Approaches, Evidence, Challenges. Personality and Social Psychology Review, 10(4), 295–319.

³ Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): Psychische Faktoren in der Gefährdungsbeurteilung.

⁴ Hill, A. P. & Curran, T. (2016): Multidimensional Perfectionism and Burnout: A Meta-Analysis. Personality and Social Psychology Review, 20(3), 269–288.

⁵ Callaghan, T. et al. (2023): The relationships between perfectionism and symptoms of depression, anxiety and obsessive-compulsive disorder in adults: a systematic review and meta-analysis.

⁶ Galloway, R. et al. (2022): The efficacy of randomised controlled trials of cognitive behaviour therapy for perfectionism: a systematic review and meta-analysis. Cognitive Behaviour Therapy.

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